Eine spontane Idee führt ins Ungewisse
Was als schlichte Abholung eines hochwertigen Fahrrads in Mailand begann, entwickelte sich rasch zu einem ungewöhnlichen Selbstversuch. Die Verantwortlichen des Projekts OBST&GEMÜSE standen vor der Frage, wie man ein handgefertigtes Titanrad von Italien in die Schweiz bringt. Die spontane Antwort fiel anders aus, als man es von einer reinen Logistikfahrt erwarten würde. Statt eines konventionellen Autos kam der Microlino zum Einsatz – ein Winzfahrzeug, das normalerweise eher in engen Gassen europäischer Städte zu Hause ist.
Die daraus resultierende Reise erstreckte sich über tausend Kilometer und führte über einige der anspruchsvollsten Alpenpässe. Was zunächst nach einer kuriosen Idee klang, entpuppte sich als Experiment mit überraschenden Erkenntnissen über moderne Mobilität.

Ein Roadtrip mit Hindernissen
Die Aufgabenstellung war denkbar einfach: Ein individuell gefertigtes De Rosa Titanrad abholen und nach Basel bringen. Doch bereits vor Antritt der Fahrt änderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Zeitdruck, spontane Routenänderungen und die für Italien typische Gelassenheit im Umgang mit Plänen sorgten dafür, dass aus der simplen Fahrt eine kleine Odyssee wurde.
Der Microlino übernahm dabei eine Rolle, die weit über die eines reinen Transportmittels hinausging. Das Fahrzeug wurde zum mobilen Rückzugsort, zur rollenden Basis für ein Abenteuer, das Elemente einer Rennradtour, eines klassischen Roadtrips und einer minimalistischen Expedition in sich vereinte. Die Parallele zum Radfahren ist dabei kein Zufall: Beide Fortbewegungsarten zielen auf Reduktion ab – weniger ist mehr, das Wesentliche rückt in den Vordergrund.
Überraschend viel Platz im kompakten Format
Betrachtet man den Microlino von aussen, erwartet man kaum nennenswerten Stauraum. Die Erfahrung auf der Alpenüberquerung zeigte ein anderes Bild. Wochenendtaschen, umfangreiches Kameraequipment und ein komplettes Dachträgersystem fanden ohne grössere Schwierigkeiten im Innenraum Platz.
Besonderes Merkmal ist die Fronttüre, die auch nach vielen hundert Kilometern nichts von ihrer Besonderheit verliert. Der Einstieg bleibt jedes Mal ein kleiner Moment der Überraschung. Hinzu kommt die grosszügig dimensionierte Frontscheibe, die während der Fahrt das Gefühl von Enge nahezu vollständig verschwinden lässt. Das öffenbare Dachfenster, mehrere USB-Anschlüsse für mobile Geräte und die bewusst schlicht gehaltene Innenausstattung machen den Wagen zu einem durchdachten Begleiter für entschleunigtes Reisen.

Die Alpen als Belastungsprobe
Die gewählte Route führte über einige der bekanntesten Alpenpässe Europas: Grimsel, Furka, Gotthard, Stelvio, Umbrail und Albula standen auf dem Programm. Steigungen von mehr als zwölf Prozent, raue Passstrassen, Schotterabschnitte und nächtliche Ladepausen wurden zum festen Bestandteil des Abenteuers.
Ein besonders intensiver Moment ereignete sich in Gletsch. Mit nur noch drei Prozent Restladung rollte der Microlino nahezu geräuschlos ins Tal. Die Rettung kam in Form einer Steckdose auf einem verlassenen Festivalgelände. Dort verbrachte das Fahrzeug neun Stunden zum Aufladen – bei Temperaturen, die eine Heizung wünschenswert gemacht hätten, die der Microlino aber nicht besitzt. Die Alpen, so zeigte sich, verzeihen keine Nachlässigkeit. Dennoch meisterte der Wagen selbst den legendären Stelvio mit einer bemerkenswerten Effizienz.
Die Rekuperationstechnologie erwies sich dabei als stiller Held der Reise. Auf den langen Abfahrten gewann der Microlino immer wieder wertvolle Prozentpunkte seiner Batterieladung zurück und verwandelte die Bergabpassagen in lautlose Gleitmomente.
Laden, wo es gerade möglich ist
Eine strukturierte Ladeinfrastruktur existierte auf dieser Reise nicht. Geladen wurde überall dort, wo Strom verfügbar war: an kleinen Bars am Comer See, in Industriegebieten am Strassenrand, bei Hotels oder mitten auf verlassenen Festivalgeländen. Die berühmte Bar Sport am Comer See wurde zu einem der prägendsten Stopps der gesamten Fahrt. Während Pizza und Pasta serviert wurden, zog sich das Ladekabel quer durch den Gastraum bis zur letzten freien Steckdose.
Genau diese Momente machten die besondere Atmosphäre der Reise aus. Der Microlino zwang zu einem langsameren Rhythmus und machte die Fahrt selbst zum zentralen Erlebnis. Es fühlte sich weniger nach einem klassischen Roadtrip an, sondern eher nach einer Rennradtour – nur mit dem Komfort eines schützenden Dachs über dem Kopf.
Bilanz nach tausend Kilometern
Nach exakt 1000,4 Kilometern und mehr als 12.000 Höhenmetern erreichte der Microlino sein Ziel in Basel. Die Batterie zeigte noch neun Prozent Restladung an. Der eigentliche Ertrag der Reise bestand jedoch aus unzähligen kleinen Geschichten und Erkenntnissen.
Das Abenteuer zeigt, dass Mikromobilität mehr kann, als viele Kritiker vermuten. Der Microlino ist kein reines Stadtauto. Er kann Stadtverkehr bewältigen, er kann Alpenpässe überwinden, und er kann echte Abenteuer ermöglichen. Er ist ein Fahrzeug für Menschen, die bewusst langsamer reisen möchten, ohne auf die Vorteile eines schützenden Dachs verzichten zu wollen. Die Frage ist nicht, ob ein solches Fahrzeug für jede Situation geeignet ist. Sondern vielmehr, wie viel man wirklich braucht, um ein unvergessliches Abenteuer zu erleben.
Fotos: Microlino AG
Was ist der Microlino?
Der Microlino ist ein kompakter Elektrokleinstwagen mit Fronttüre und minimalistischer Ausstattung, der ursprünglich für den Stadtverkehr konzipiert wurde.
Schafft der Microlino wirklich Alpenpässe wie den Stelvio?
Ja, der Wagen meisterte Steigungen von über zwölf Prozent und Pässe wie Grimsel, Furka, Gotthard, Stelvio, Umbrail und Albula mit überraschend guter Effizienz.
Wie weit kommt der Microlino mit einer Ladung in den Alpen?
Die Reichweite hängt stark von der Topografie ab. Bergauf sinkt der Akkustand deutlich schneller, während die Rekuperation bergab wertvolle Prozentpunkte zurückgewinnen kann.
Wo wird der Microlino unterwegs geladen?
An Haushaltssteckdosen – in Bars, Hotels, Industriegebieten oder auf Festivalgeländen. Eine schnelle Ladeinfrastruktur existiert für dieses Fahrzeug nicht.
Wie lange dauert eine Vollladung an einer Haushaltssteckdose?
Im konkreten Fall dauerte eine Ladung von sehr niedrigem Stand auf etwa neun Stunden.
Passt Gepäck für eine mehrtägige Reise in den Microlino?
Ja, Wochenendtaschen, Kameraequipment und ein Dachträgersystem fanden problemlos Platz. Der Innenraum ist trotz der kompakten Aussenmasse erstaunlich geräumig.
Ist der Microlino für lange Strecken geeignet?
Das Fahrzeug verlangt eine entschleunigte Reiseweise und viel Improvisation beim Laden. Wer Eile hat oder auf eine durchgängige Schnelladeinfrastruktur angewiesen ist, wird mit dem Microlino nicht glücklich.
Kann der Microlino als Zweitwagen sinnvoll sein?
Für kurze Strecken in der Stadt ist er bestens geeignet. Die Alpenreise zeigt, dass er auch mehr kann – aber nicht ohne Kompromisse beim Komfort und der Ladegeschwindigkeit.
Was ist das Besondere an der Fronttüre?
Die Fronttüre ermöglicht einen ungewöhnlichen Einstieg direkt zur Fahrzeugfront. Selbst nach vielen Kilometern bleibt dieser Moment etwas Besonderes.
Was kostet der Microlino?
Der Microlino kostet in Deutschland in der Grundversion etwa 17.990,– Euro. Je nach gewählter Ausstattung kann der Preis jedoch deutlich höher ausfallen. Die einfachste Variante liegt preislich bei ungefähr 15.000,– Euro. Die Ausführung namens Dolce startet bei rund 17.000,– Euro, während die Topversion Competizione etwa 19.200,– Euro kostet. Das auf wenige Exemplare limitierte Sondermodell Pioneer Series schlägt mit knapp 21.000,– Euro zu Buche. Wer sich für die offene Cabrioversion interessiert, muss mit höheren Kosten rechnen: Die Sonderedition Spiaggina mit einem 10,5-kWh-Akku und hochwertiger Innenausstattung wird für 24.990,– Euro angeboten. Aktuell gibt es jedoch ein zeitlich begrenztes Angebot für Lagerfahrzeuge mit einer mittleren Reichweite von 177 Kilometern. Diese sind vorübergehend für 14.900,– Euro zu haben, was einem Preisnachlass von rund 4.590,– Euro gegenüber dem Normalpreis entspricht. Alternativ besteht die Möglichkeit einer Finanzierung ab 179,– Euro im Monat. Einen staatlichen Zuschuss sollte man bei der Kaufentscheidung nicht einplanen, denn elektrische Leichtfahrzeuge der Klasse L7e werden in Deutschland nicht über den BAFA-Umweltbonus gefördert.
