Auf der CES 2026 in Las Vegas gab eine bedeutende Partnerschaft ihre Pläne bekannt, die die Landschaft des automatisierten Fahrens nachhaltig prägen könnte. Der deutsche Technologiekonzern ZF und der amerikanische Halbleiterriese Qualcomm Technologies haben ihre Zusammenarbeit vertieft, um eine neuartige, skalierbare Plattform für Fahrerassistenzsysteme (ADAS) auf den Markt zu bringen. Diese Allianz zielt darauf ab, Automobilherstellern weltweit einen vorgefertigten Baukasten für intelligentes Fahren anzubieten – von grundlegenden Sicherheitsfunktionen bis hin zu hochautomatisierten Level-3-Systemen.
Das technologische Herzstück: Leistung trifft auf Flexibilität
Im Kern der Zusammenarbeit steht die Verbindung zweier leistungsstarker Technologien. Qualcomm steuert seine Snapdragon Ride System-on-Chips (SoCs) bei, die für ihre Rechenpower im Automobilbereich bekannt sind. ZF bringt seinen ProAI-Supercomputer ein, eine hochflexible Rechenplattform, die als Domänen-, Zonen- oder Zentralrechner im Fahrzeug fungieren kann. Die höchste Konfigurationsstufe dieser Kombination erreicht eine beeindruckende Rechenleistung von über 1.500 TOPS (Billionen Operationen pro Sekunde).
Durch die Integration des Snapdragon Ride Pilot und des Vision Software-Stacks in den ZF ProAI entsteht eine All-in-One-Lösung. Diese Plattform nutzt kamerabasierte KI, um die Fahrzeugumgebung in Echtzeit zu erfassen: Sie erkennt Objekte und Fahrspuren, liest Verkehrsschilder, überwacht den Fahrer und erstellt dynamische Karten. Der besondere Vorteil liegt in der Skalierbarkeit. Ein Automobilhersteller kann für ein Basismodell ein einfaches System mit einer Frontkamera wählen, während für eine Premiumlimousine eine Vollausstattung mit umfassender Rundumsensorik möglich ist.
Offene Architektur als Schlüssel für die Zukunft
Ein zentrales Merkmal der gemeinsamen Plattform ist ihre offene und modulare Architektur. Sie ist nicht als geschlossenes System konzipiert, sondern ermöglicht es Autoherstellern, eigene Software oder Anwendungen von Drittanbietern nahtlos zu integrieren. Dies gibt den Ingenieuren der Marken die Freiheit, das System an den spezifischen Charakter ihres Fahrzeugs anzupassen und einzigartige Funktionen zu entwickeln.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Langlebigkeit durch Over-the-Air (OTA) Updates. Ähnlich wie bei einem Smartphone können Sicherheitsfunktionen verbessert und neue Komfortfeatures per Funk nachträglich aufgespielt werden. Dies erweitert den Lebenszyklus der verbauten Hardware erheblich und hält Fahrzeuge über Jahre hinweg auf dem neuesten Stand. Eine umfangreiche Suite an Entwicklungswerkzeugen unterstützt die Hersteller dabei, neue Funktionen schneller zu prototypisieren, zu validieren und in die Produktion zu überführen.
Marktdruck und strategisches Umfeld
Diese Kooperation findet in einem äußerst dynamischen und wettbewerbsintensiven Markt statt. Qualcomm sieht sich starken Konkurrenten wie Nvidia gegenüber, dessen Technologie bereits in Systemen von Mercedes-Benz zum Einsatz kommt. Auch Mobileye meldet große Erfolge und hat angekündigt, dass ein zweiter großer US-Autohersteller seine EyeQ6H-Plattform für „hands-free“-Systeme auf Autobahnen nutzen wird.
Ein interessanter Hintergrund dieser Partnerschaft ist eine bevorstehende Veränderung bei ZF selbst. Das Unternehmen hat den Verkauf seines gesamten ADAS-Geschäftsbereichs – zu dem auch die ProAI-Computer gehören – an den US-Spezialisten Harman International angekündigt. Der Deal im Volumen von 1,5 Milliarden Euro soll vorbehaltlich der behördlichen Genehmigung in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 abgeschlossen werden. Die nun bekanntgegebene Zusammenarbeit mit Qualcomm ist somit ein Projekt, das noch unter der Ägide von ZF gestartet wird, dessen langfristige Weiterentwicklung und Vermarktung aber wahrscheinlich in die Hände von Harman übergehen wird.
Eine gemeinsame Vision für intelligentere Mobilität
Trotz dieser unternehmerischen Veränderungen betonen beide Partner die Stärke und das Potenzial ihrer Allianz. „Wir freuen uns, unsere langjährige Zusammenarbeit mit ZF bei der Weiterentwicklung von ADAS-Innovationen zu vertiefen“, sagte Anshuman Saxena, Vizepräsident bei Qualcomm Technologies. „Durch die Bündelung unserer Stärken im Hochleistungsrechnen, in der Wahrnehmung und in der Bildverarbeitung ermöglichen wir es Automobilherstellern, intelligente, sicherere und kostengünstigere Fahrerassistenzsysteme für ihr gesamtes Fahrzeugportfolio anzubieten.“
Auch von ZF-Seite wird die Partnerschaft als strategischer Schritt gewertet. „Wir sind stolz darauf, unsere Zusammenarbeit mit Qualcomm im Bereich marktführender Fahrerassistenzsysteme für softwaredefinierte Fahrzeuge weiter auszubauen“, erklärte Dr. Christian Brenneke, Leiter der ZF-Division Elektronik & ADAS. Die Kombination der skalierbaren Plattformen biete den Kunden zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten für die Fahrzeuge der Zukunft.
Während sich die Technologiekonzerne neu positionieren und Allianzen schmieden, zeichnet sich auf der Straße ein klares Bild ab: Die Ära des teilautomatisierten Fahrens für eine breite Masse ist in vollem Gange. Partnerschaften wie die zwischen ZF und Qualcomm wollen den Weg dafür ebnen, dass diese komplexe Technologie nicht nur in Premiumfahrzeugen, sondern auch in erschwinglicheren Modellen zu finden ist – und so einen messbaren Beitrag zur Sicherheit auf unseren Straßen leisten kann.
Foto: ZF Friedrichshafen AG
