Eine Ausstellung, die Autogeschichte lebendig hält
Im Turiner Heritage Hub dreht sich bis zum 30. Juni 2026 alles um einen der ungewöhnlichsten Wagen der italienischen Automobilgeschichte. Das Werksmuseum ehrt den Fiat 600 Multipla mit einer umfangreichen Geburtstagsausstellung. Gezeigt werden Vorserienexemplare sowie zahlreiche spezielle Karosserievarianten des Fahrzeugs, das 1956 erstmals die Werkshallen verließ und heute als erster Minivan der Welt gilt.

Wer die Schau besuchen möchte, sollte die Öffnungszeiten beachten: Dienstag bis Donnerstag ist der Heritage Hub von 10 bis 13 Uhr sowie von 14 bis 17 Uhr geöffnet. An Freitagen und an den Wochenenden ergänzen Führungen zu festgelegten Zeiten das Besuchsprogramm. Die Tickets gibt es ausschließlich online, sie beinhalten bereits den Zugang zur Sonderausstellung „Monovolume“.

Ein Wagen, der die Regeln des Autobaus neu schrieb
Schon ein Jahr vor der Multipla-Premiere war der Fiat 600 auf dem Markt. Doch was die Marke dann präsentierte, brach mit allen Konventionen. Der von Dante Giacosa entworfene Multipla war das erste Grossserienfahrzeug mit einer echten Monovolumen-Struktur. Statt der damals üblichen klaren Trennung von Motor-, Passagier- und Gepäckraum zeigte die Seitenansicht einen durchgehenden Karosseriekörper von der vorderen bis zur hinteren Stosstange.
Roberto Giolito, Leiter des Heritage Hub, bringt es auf den Punkt: Aus heutiger Sicht sei klar, dass es sich beim Multipla um weit mehr handelte als bloss um eine weitere Version des Fiat 600. Vielmehr sei er der erste in Grossserie gefertigte Vertreter einer komplett neuen Fahrzeuggattung gewesen. Vordenker wie der Alfa Romeo 40-60 HP Aerodinamica von 1914, Buckminster Fullers Dymaxion von 1933 oder der Chrysler Airflow der 1930er Jahre hätten bereits in ähnliche Richtungen gedacht: Motor und Technik sollten stärker in die Struktur integriert werden, um den Passagieren mehr Raum und Komfort zu bieten. Mit dem Fiat 600 Multipla habe Giacosa diesem Ansatz erstmals eine serientaugliche Form verliehen. Es sei keine moderne Kutsche um einen Motor herum gewesen, sondern Architektur, die um den Fahrgastraum herum konzipiert wurde – gewissermassen ein Sieg des Raums über die Mechanik.

Wo die Geschichte des Fiat 600 Multipla lebendig wird
Der Heritage Hub selbst ist im ehemaligen Fiat-Werk im Turiner Stadtteil Mirafiori untergebracht. Die Organisation pflegt und fördert das historische Erbe der Marken Alfa Romeo, Fiat, Lancia, Abarth und Autobianchi durch verschiedene Dienstleistungen sowie kulturelle und pädagogische Angebote. Mehr als 300 historische Fahrzeuge umfasst die Sammlung, darunter bedeutende Serienmodelle, Einzelstücke und weltweit einzigartige Prototypen – sie stehen für über 120 Jahre Innovation und italienischen Stil.
Die Geburtstagsausstellung zeichnet den Weg des Fiat 600 Multipla vom ersten Entwurf Giacosas bis zu den zahlreichen Serienversionen nach. Neben kompletten Fahrzeugen sind Skizzen und Informationstafeln zum kulturellen Kontext zu sehen. Ein besonderes Ausstellungsstück ist das hölzerne Urmodell, das während der Produktion zur Qualitätskontrolle der Karosserieteile diente. Ein Fahrzeug der ersten Bauserie ist ebenso vertreten wie ein Exemplar in den Farben der Carabinieri. Dieser ehemalige Einsatzwagen der italienischen Militärpolizei ist Teil einer Sammlung von 15 Fahrzeugen, die ein halbes Jahrhundert Zusammenarbeit zwischen Fiat und den Carabinieri dokumentieren.
Ein weiterer Höhepunkt ist ein Multipla aus Privatbesitz, der sein Leben als Taxi begann. Nach einer Restaurierung wurde er für aussergewöhnliche Reisen vorbereitet. Seine Besitzer folgten damit den Routen Marco Polos über mehr als 37.000 Kilometer, fuhren zweimal zum Nordkap und durchquerten Russland von Moskau nach Wladiwostok – im Winter.

Technische Daten und Entwicklung über zwei Serien
Von 1956 bis zum Frühjahr 1967 produzierte das Werk Mirafiori nahezu 243.000 Exemplare des vielseitigen Fiat 600 Multipla. Die technische Basis mit Heckmotor und Hinterradantrieb übernahm er von der Limousine. Der Fahrgastraum aber erstreckte sich über die gesamte Fahrzeuglänge. Das Lenkrad rückte deutlich weiter nach vorne. Wo bei der Limousine der Kraftstofftank und das Reserverad untergebracht waren, fand im Multipla eine zweisitzige Bank Platz. Die nahezu senkrechte Frontpartie verschaffte der ersten Reihe zudem eine ausgezeichnete Strassensicht.
In der zweiten Reihe bot eine weitere Sitzbank je nach Version zwei oder drei Passagieren Platz. Der Gepäckraum zwischen Rückenlehne und Motorraum fiel grosszügig aus. Klappte man die hintere Sitzbank um, entstanden zwei Schlafplätze von nahezu zwei Metern Länge. Eine sechssitzige Version mit vier klappbaren Einzelsitzen in der zweiten und dritten Reihe war ebenfalls erhältlich. Bei umgelegten Sitzen ergab sich eine Ladefläche von mehr als 1,75 Quadratmetern, die über die beiden Seitentüren zugänglich war.
Die erste Serie des Fiat 600 Multipla wurde von einem Vierzylindermotor mit 633 Kubikzentimetern Hubraum und 22 PS angetrieben. Ein Vierganggetriebe übertrug die Kraft. Die neu entwickelte Vorderachse stammte vom Fiat 110/103 mit doppelten Querlenkern, Schraubenfedern, Stossdämpfern und einem Kurvenstabilisator. Das Fahrverhalten war ausgezeichnet. Bei einer Gesamtlänge von 3,50 Metern war der Multipla 31,5 Zentimeter länger als die Limousine.
1960 kam die zweite Serie, der Fiat 600D Multipla, auf den Markt. Es handelte sich um eine umfassende Weiterentwicklung, die dem ursprünglichen Charakter treu blieb. Der Hubraum wuchs auf 767 Kubikzentimeter, die Leistung stieg auf 29 PS. Damit erreichte der innovative Minivan eine Höchstgeschwindigkeit von 105 km/h.

Ein Fahrzeug als Lebensphilosophie
Schon kurz nach seiner Markteinführung brachte der Fiat 600 Multipla eine ganze Familie von Derivaten hervor, die eine ganze Epoche der italienischen Mobilität prägten. Die Nutzfahrzeugmarke OM begann mit der Serienproduktion des Lieferwagens 600 OM auf Basis des Fahrgestells. Bei Fiat entstand der Transporter Fiat 600T, der von 1961 bis 1968 gebaut und später zum Fiat 850T weiterentwickelt wurde.
Unter den Karosseriebauern, die das Fahrgestell für individuelle Lösungen nutzten, ragte die Turiner Carrozzeria Coriasco heraus. Coriasco baute auf Basis des Multipla unter anderem Kastenwagen, Pick-ups, Krankenwagen und Kleinbusse – alle mit der markanten Frontpartie des Multipla. Paradoxerweise wurden diese Derivate trotz direkter Konkurrenz zu den OM-Modellen über das offizielle Fiat-Vertriebsnetz vermarktet.
Auch die Welt von Freizeit und Tourismus faszinierte die wandelbare Architektur des Multipla. Elegante Strandfahrzeuge für Badeorte entstanden, im Italienischen Spiaggina genannt. Diese Versionen wurden entweder in Kleinserie oder als Einzelanfertigungen von Karosseriebauern produziert.
Öffentliche Dienste machten sich die Qualitäten ebenfalls zunutze. Die Taxi-Version besass ein auf dem Armaturenbrett montiertes Taxameter, eine Gepäckplattform anstelle des vorderen Beifahrersitzes und die charakteristische Lackierung in Schwarz und Flaschengrün. Während der Jahre des Wirtschaftswunders prägte der Fiat 600 Multipla so massgeblich das Bild des italienischen Taxis.
Foto: Stellantis Germany GmbH
Wann und wo findet die Geburtstagsausstellung zum Fiat 600 Multipla statt?
Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. Juni 2026 im Heritage Hub in Turin, genauer gesagt im ehemaligen Fiat-Werk im Stadtteil Mirafiori. Gezeigt werden Vorserienmodelle und zahlreiche Karosserievarianten des ersten Minivans der Welt.
Welche Öffnungszeiten hat der Heritage Hub?
Dienstags, mittwochs und donnerstags ist das Museum von 10:00 bis 13:00 Uhr sowie von 14:00 bis 17:00 Uhr geöffnet. An Freitagen und an den Wochenenden werden zusätzlich Führungen zu festen Zeiten angeboten.
Wie komme ich an Tickets für die Ausstellung?
Der Ticketkauf ist ausschließlich online möglich. Im Preis enthalten ist bereits der Zutritt zur Sonderausstellung „Monovolume“. Ein direkter Link zur Buchungsseite wird vom Betreiber bereitgestellt.
Warum gilt der Fiat 600 Multipla als erster Minivan der Welt?
Das Fahrzeug von 1956 war das erste Großserienmodell mit einer echten Monovolumen-Struktur. Anders als bei damals üblichen Autos gab es keine klare Trennung zwischen Motor-, Passagier- und Gepäckraum. Die Karosserie bildete einen durchgehenden Raum von der vorderen bis zur hinteren Stoßstange.
Wer hat den Fiat 600 Multipla entworfen?
Der Entwurf stammt von Dante Giacosa. Sein Konzept stellte den Fahrgastraum in den Mittelpunkt – um ihn herum wurde die Karosserie gleichsam als Architektur entwickelt. Das war ein Bruch mit der damaligen Bauweise, bei der der Motor dominierte.
Welche besonderen Exponate sind in der Ausstellung zu sehen?
Unter anderem das hölzerne Urmodell, das während der Produktion zur Qualitätskontrolle diente. Außerdem ein Exemplar der ersten Bauserie, ein Einsatzwagen der Carabinieri sowie ein ehemaliges Taxi, das nach seiner Restaurierung auf abenteuerlichen Reisen unterwegs war – etwa auf den Spuren Marco Polos oder im Winter von Moskau nach Wladiwostok.
Welche Motoren hatte der Fiat 600 Multipla?
Die erste Serie ab 1956 hatte einen Vierzylindermotor mit 633 Kubikzentimetern Hubraum und 22 PS. 1960 folgte die zweite Serie (Fiat 600D Multipla) mit 767 Kubikzentimetern und 29 PS. Damit erreichte der Wagen eine Höchstgeschwindigkeit von 105 km/h.
Wie viele Sitzplätze bot der Multipla?
Das Raumwunder bot je nach Version zwei Sitzbänke für insgesamt fünf oder sechs Personen. Durch Umklappen der hinteren Bank entstanden zwei fast zwei Meter lange Schlafplätze. Eine sechssitzige Version mit vier klappbaren Einzelsitzen war ebenfalls erhältlich.
Welche Ableger des Fiat 600 Multipla gab es?
Der Multipla diente als Basis für eine ganze Fahrzeugfamilie. Dazu gehörten der Lieferwagen 600 OM, der Transporter Fiat 600T sowie zahlreiche Spezialaufbauten der Carrozzeria Coriasco wie Kastenwagen, Pick-ups, Krankenwagen und Kleinbusse. Auch elegante Strandfahrzeuge, sogenannte Spiaggina, entstanden.
Wie viele Exemplare wurden gebaut?
Von 1956 bis zum Frühjahr 1967 produzierte das Fiat-Werk Mirafiori nahezu 243.000 Einheiten des Fiat 600 Multipla.
Welche Bedeutung hat der Heritage Hub in Turin?
Der Heritage Hub ist im ehemaligen Fiat-Werk Mirafiori untergebracht und pflegt das historische Erbe der Marken Alfa Romeo, Fiat, Lancia, Abarth und Autobianchi. Die Sammlung umfasst mehr als 300 historische Fahrzeuge, darunter Serienmodelle, Unikate und weltweit einzigartige Prototypen. Sie stehen für über 120 Jahre Innovationsgeschichte des italienischen Automobilbaus.
