Ein neues Denken in der Fahrzeugproduktion
Über ein Jahrhundert lang war die Automobilherstellung strikt linear geprägt. Rohstoffe kamen ins Werk, Autos entstanden, und irgendwann landeten sie auf dem Schrottplatz. Doch dieser traditionelle Weg gehört nun der Vergangenheit an. Die Toyota Circular Factory, kurz TCF, schreibt das Spiel komplett neu. Statt Ressourcen einfach zu verbrauchen, zeigt das Unternehmen, wie Materialien über lange Zeiträume im Kreislauf bleiben können. Ein besonders gelungenes Praxisbeispiel findet sich in Großbritannien: Dort werden Leichtmetallräder in der TCF UK aufbereitet und das gewonnene Aluminium anschließend für neue Motorkomponenten verwendet.
Der erste Standort in Burnaston
Die allererste Toyota Circular Factory Europas hat ihren Sitz im Werk Burnaston von Toyota Motor Manufacturing UK. Was dort entsteht, ist mehr als nur eine einzelne Anlage. Es handelt sich um ein Konzept, das neue Maßstäbe setzen soll. Die Idee: Ein ganzes Netzwerk solcher Kreislaufwerke soll in Zukunft die Region prägen. Noch in diesem Jahr folgt daher der nächste Schritt mit der Eröffnung einer zweiten TCF in Polen.
Vom Rad zum Motor – ein geschlossener Kreislauf
In Burnaston läuft der Prozess im Detail so ab: Aus ausgedienten Leichtmetallrädern wird das Aluminium zurückgewonnen und für die Wiederverwendung vorbereitet. Das so gewonnene Material wandert dann ins Toyota Werk nach Deeside, wo es in die Herstellung von Motorkomponenten einfließt. Daraus entstehen Hybridsteuereinheiten, die schließlich wieder nach Burnaston zurückkehren. Dort werden sie in neue Toyota Corolla Modelle eingebaut. Der Bogen vom alten Rad zum neuen Motor schließt sich nahtlos.
Am 19. März lief das erste Fahrzeug vom Band, das von diesem zirkulären Prozess profitiert. Für Toyota ein bedeutender Meilenstein auf dem Weg, den Anteil an rückgewonnenen, recycelten und wiederverwendeten Materialien kontinuierlich zu steigern.
Mehr als nur Recycling
Die Toyota Circular Factory baut auf den Prinzipien des berühmten Toyota Production Systems auf, geht aber weit über die reine Teilerückgewinnung hinaus. Es geht darum, den zirkulären Gedanken von Anfang an in die Fahrzeugentwicklung, die Fertigung und die spätere Nutzung zu integrieren. Das Ergebnis sind effizientere und ressourcenschonendere Prozesse über den gesamten Lebenszyklus eines Autos hinweg.
Leon Van Der Merwe, bei Toyota Motor Europe verantwortlich für Kreislaufwirtschaft und Energiegeschäft, erklärt die Strategie so: Toyota habe eine lange Tradition mit dem Produktionssystem, dessen Prinzipien heute weltweit als Standard für Fertigungseffizienz gelten. Nun übertrage man dieses Konzept auf die Kreislaufwirtschaft. Ziel sei es, ein Modell zu etablieren, bei dem Ressourcen über mehrere Lebenszyklen fließen, die Umweltbelastung sinkt und die Materialversorgung gesichert bleibt.
Ali Umit Sengezer, Leiter der Toyota Circular Factory bei TME, ergänzt: Bereits im ersten Jahr liefere TCF Burnaston hervorragende Ergebnisse und wertvolle Erkenntnisse – nicht nur beim Umgang mit Altautos, sondern auch dafür, wie man Kreislaufwirtschaft frühzeitig in Planung und Design zukünftiger Fahrzeuge einbauen kann. So lasse sich das Potenzial der eingesetzten Materialien und Teile noch besser ausschöpfen.
Warum Kreislaufwirtschaft immer wichtiger wird
In Europa gewinnt das Thema rasant an Bedeutung. Neue Regeln und Gesetze verlangen höhere Effizienz beim Recycling und bei der Materialrückgewinnung. Die gesamte Fahrzeugverwertung befindet sich im Wandel. Toyota sieht darin eine echte Chance, neue industrielle Modelle zu entwickeln. Diese ermöglichen eine bessere Rückverfolgbarkeit von Materialien und erfüllen nicht nur zukünftige Anforderungen, sondern gehen ihnen sogar voraus.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Geringere Abhängigkeit von neu geförderten Rohstoffen, Fahrzeugdesigns, die Demontage und Reparatur erleichtern, längere Fahrzeuglebenszyklen durch standardisierte Aufarbeitungstechniken, effiziente Rückgewinnung von Materialien am Ende des Fahrzeuglebens und die Rückführung dieser Materialien in die Produktion.
Warum sich Großbritannien besonders eignet
Das Vereinigte Königreich bietet ideale Bedingungen für die erste Circular Factory. Das Land hat einen der größten Altfahrzeugmärkte Europas. Da es zudem eines der wenigen Länder mit Rechtslenkung ist, bleiben die meisten dort verkauften Fahrzeuge auch bis zum Ende ihres Lebenszyklus im Land. Dadurch hat sich eine reife und hochspezialisierte Demontagebranche mit enormem Fachwissen entwickelt.
Ein durchdachter Prozess von A bis Z
TCF Burnaston arbeitet nach einem klaren, strukturierten Ablauf, der weit über das reine Auseinandernehmen hinausgeht. Neben Toyota und Lexus Fahrzeugen werden auch Modelle anderer Marken verarbeitet. Sie liefern wertvolle Informationen über Materialzusammensetzungen, Demontagemethoden und reale Fahrzeugzustände.
Was die TCF von klassischen Demontagebetrieben unterscheidet, ist die konsequente Anwendung der bewährten Toyota Produktionsmethoden – nur eben in umgekehrter Richtung. Der Ablauf im Detail: Zuerst werden die Airbags sicher ausgelöst. Dann entfernen speziell geschulte Techniker alle Flüssigkeiten und Gase nach zertifizierten Verfahren. Es folgt die standardisierte Demontage, durchgeführt von Fachkräften mit Erfahrung aus der Fahrzeugmontage. Zum Schluss werden die zurückgewonnenen Materialien wie Metalle und Kunststoffe sortiert und klassifiziert.
Diese Vorgehensweise ermöglicht Forschung zu Wiederverwendungsmöglichkeiten und liefert wichtige Erkenntnisse über Materialverhalten, Haltbarkeit und Zugänglichkeit bei der Demontage. Langfristig helfen diese Erfahrungen dabei, Fahrzeuge zu entwickeln, die sich leichter reparieren und am Ende ihres Lebens effizienter verwerten lassen. Die strukturierte Methode der TCF schafft eine direkte Rückkopplung in die Produktentwicklung.
Darüber hinaus hat Burnaston auch die professionelle Fahrzeugaufarbeitung eingeführt. Damit lassen sich Fahrzeuglebenszyklen sicher und standardisiert verlängern – inklusive Bewertung, Einstufung und Prüfung nach strengen Toyota Standards.
Der Blick nach vorn
Nach der erfolgreichen Einführung der ersten TCF in Burnaston im Sommer 2025 hat Toyota bereits den nächsten Schritt angekündigt. In Wałbrzych, im Werk von Toyota Motor Manufacturing Poland, entsteht die zweite europäische Circular Factory. Damit baut der Konzern ein regionales Netzwerk zirkulärer Aktivitäten auf, das weit über das eigene Unternehmen hinaus Wirkung zeigen und der gesamten Fertigungsindustrie neue Impulse geben kann.
Fotos: Toyota Deutschland GmbH
