Ein alter Bekannter kehrt zurück – aber ganz anders
Wer an den Renault Twingo denkt, hat meist bunte Farben, eine witzige Form und das Gefühl von unbeschwertem Stadtverkehr im Kopf. 1992 rollte die erste Generation an den Start und wurde schnell zu einer Art Kultauto. Klein, wendig und mit viel Platz auf wenig Raum – das war damals die Formel. Über 4,1 Millionen Exemplare gingen in 25 Ländern über den Ladentisch.
Doch das war eine andere Zeit. Das sogenannte A-Segment, also die ganz kleinen Wagen, macht heute nur noch fünf Prozent des europäischen Marktes aus. Nicht weil niemand mehr solche Autos haben will, sondern weil die meisten Hersteller sich zurückgezogen haben. Zu kompliziert war es offenbar, moderne Ansprüche, Sicherheitsstandards und einen vernünftigen Preis unter einen Hut zu bringen.
Renault macht jetzt das Gegenteil und bringt den Twingo als Elektroauto zurück. Ob das aufgeht, ist eine spannende Frage.

Was der neue Twingo können soll
Auf dem Papier liest sich das Konzept ganz interessant. Der Twingo E-Tech electric bleibt seiner ursprünglichen Idee treu: ein kompaktes Stadtauto mit viel Platz auf wenig Fläche. Fünf Türen, verschiebbare Fondsitze und ein umklappbarer Beifahrersitz – das klingt nach durchdachter Raumausnutzung. Wer schon einmal versucht hat, sperrige Gegenstände in einen Kleinwagen zu laden, weiß, wie praktisch solche Details sein können.
Dazu kommt, dass das Auto elektrisch fährt. Der Motor leistet 60 kW, also etwa 82 PS. Die LFP-Batterie ist bewusst kompakt ausgelegt und ermöglicht eine Reichweite von bis zu 262 Kilometern. Das ist keine Größenordnung für lange Fernfahrten, aber für den Alltag in der Stadt oder als Zweitwagen vermutlich völlig ausreichend. Interessant ist die sogenannte One-Pedal-Funktion, mit der man häufig nur noch ein Pedal braucht – beschleunigen und abbremsen gehen über das Gaspedal. Das kann in der Stadt entspannter sein, als es sich zunächst anhört.

Der Preis ist das Spannende
Renault nennt einen geplanten Einstiegspreis von unter 20.000 Euro. Das wäre für ein neues Elektroauto ein bemerkenswerter Wert. Zum Vergleich: Viele vergleichbare Modelle liegen deutlich darüber. Ob der Preis am Ende tatsächlich gehalten werden kann, wird sich zeigen. Aber die Richtung stimmt – wenn es darum geht, Elektromobilität für mehr Menschen zugänglich zu machen.
Dazu kommen niedrige Betriebskosten. Der Energieverbrauch liegt laut Hersteller bei 13,1 kWh pro 100 Kilometer. Je nach Stromtarif sind die Kosten pro Kilometer also überschaubar.

Wie er fährt, ist noch eine offene Frage
Rein technisch steht der Twingo auf der AmpR Small Plattform, die speziell für Elektrofahrzeuge der kleinen Segmente entwickelt wurde. Das Gewicht beträgt etwa 1.200 Kilogramm – das ist für ein Elektroauto vergleichsweise leicht. In Kombination mit einer präzisen Lenkung soll das ein agiles Fahrverhalten ergeben. Klingt vielversprechend, aber ob es im Alltag hält, was versprochen wird, kann erst eine Probefahrt zeigen.

Der Weg dahinter ist ungewöhnlich
Was bei diesem Modell auffällt: Renault hat den Entwicklungsprozess radikal umgestellt. Normalerweise dauert es mehrere Jahre, bis ein neues Auto auf den Markt kommt. Beim Twingo waren es nur hundert Wochen – etwa zwei Jahre. Das ist ungewöhnlich schnell.
Um das zu schaffen, hat der Hersteller eine Art Zweiteilung umgesetzt: Design und Plattform wurden in Frankreich entwickelt, während ein Team in Shanghai für die Systemintegration und das Projektmanagement zuständig war. Gebaut wird der Wagen dann wieder in Europa, genauer gesagt in Slowenien. Das mag nach einem bürokratischen Detail klingen, zeigt aber, dass Renault bereit ist, neue Wege zu gehen. Ob das am Ende die Qualität beeinflusst, wird sich im Alltag zeigen.

Nachhaltigkeit – ein genauerer Blick
Renault macht beim Twingo E-Tech electric einige klare Ansagen zur Nachhaltigkeit. Der interessanteste Punkt ist die Batterie. Erstmals im Konzern kommt eine LFP-Batterie (Lithium-Eisenphosphat) zum Einsatz. Der entscheidende Unterschied zu den üblichen Lithium-Ionen-Batterien: LFP-Akkus kommen ohne Kobalt und Nickel aus. Gerade die Gewinnung von Kobalt ist immer wieder in der Kritik, weil sie oft unter fragwürdigen Bedingungen und mit hohen ökologischen Belastungen verbunden ist. Renault umgeht dieses Problem hier komplett – ein echter Pluspunkt, wenn man den gesamten Lebenszyklus betrachtet.
Dazu kommt die vergleichsweise kleine Batterie. Mit 27,5 kWh nutzbarer Kapazität ist sie deutlich kleiner als bei vielen anderen Elektromodellen, was den Materialeinsatz bei der Herstellung reduziert.
Ergänzend setzt Renault auf Stahl in der Karosserie, der zu einem großen Teil aus recycelten Materialien besteht. Auch das senkt den ökologischen Fußabdruck bei der Produktion.
Was für die Langlebigkeit spricht: Renault gibt an, dass nach zehn Jahren noch 99,5 Prozent der Batterien über 85 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität verfügen. Wenn das stimmt, ist das ein starkes Argument – denn eine Batterie, die lange hält, entlastet nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Umwelt.

Was bleibt, ist die Frage nach dem Alltag
Der Twingo E-Tech electric ist eindeutig als Stadtauto gedacht. Er ist klein, wendig, soll viel Platz bieten und kommt zu einem Preis, der Elektromobilität erschwinglicher machen könnte. Ob er im Alltag überzeugt, hängt von mehreren Faktoren ab: Wie gut ist die Reichweite tatsächlich? Wie komfortabel sitzt man auf längeren Strecken? Und wie zuverlässig arbeitet die Technik?
Die Nachhaltigkeitsbilanz hat zumindest auf dem Papier einige echte Stärken: die kobaltfreie Batterie, die Verwendung recycelter Materialien und die vergleichsweise kleine Batterie, die weniger Ressourcen bindet. Das sind handfeste Argumente für alle, denen Umweltaspekte wichtig sind.
Wer ein Auto für die Stadt sucht und sich mit Elektromobilität anfreunden möchte, bekommt hier ein Modell, das ernsthaft in Betracht gezogen werden kann. Ob es der große Wurf wird oder ob es doch Abstriche gibt, die erst im Alltag sichtbar werden, wird sich zeigen. Die Grundidee – ein erschwingliches, praktisches Elektroauto mit einem saubereren Fußabdruck – ist auf jeden Fall eine Überlegung wert.
Fotos: RENAULT SUISSE SA
