Wenn Tradition auf frischen Blick trifft
FIAT wagt einen ungewöhnlichen Schritt: Der italienische Automobilhersteller hat ein Designprojekt ins Leben gerufen, das junge Studierende dazu auffordert, das Kompaktauto der Zukunft zu denken. Keine Marketingkampagne, kein Konzeptfahrzeug aus dem eigenen Haus – sondern eine offene Einladung an den Nachwuchs, die Marke neu zu interpretieren. Beteiligt sind Studierende des IED Istituto Europeo di Design in Turin sowie der ISIA Roma Design, zwei Institutionen, die in der italienischen Designausbildung einen festen Ruf genießen.
Der inhaltliche Rahmen ist dabei klar abgesteckt: Kompaktheit, eine unverwechselbare Formensprache und das, was FIAT als seine DNA bezeichnet, sollen in konkrete Ideen für urbane Mobilität überführt werden. Ob das gelingt und was dabei herauskommt, bleibt abzuwarten.
Ein Prozess, der mehr zeigt als nur das Ergebnis
Was das Projekt von einer gewöhnlichen Kooperation zwischen Industrie und Hochschule unterscheidet, ist der Anspruch, den gesamten kreativen Weg sichtbar zu machen. Die Studierenden durchlaufen alle klassischen Phasen des Designprozesses: Recherche, Moodboards, Skizzen, Modellbau und schließlich die Präsentation einer Geschichte rund um den eigenen Entwurf. Ein Filmteam begleitet das Projekt und soll Einblicke hinter die Kulissen geben.
Dieser dokumentarische Ansatz ist interessant, birgt aber auch eine gewisse Ambivalenz. Einerseits macht er den oft unsichtbaren kreativen Prozess greifbar. Andererseits stellt sich die Frage, inwieweit eine Kamera im Rücken die Unbefangenheit junger Designer beeinflusst.
Giugiaro und Leboine als Gesprächspartner
Besonders auffällig ist die Besetzung der begleitenden Mentoren. Giorgetto Giugiaro, als GFG Style Chairman eine lebende Legende des Automobildesigns, steht ebenso zur Verfügung wie Francois Leboine, der aktuelle Designchef von FIAT. Beide sollen den Studierenden nicht als Lehrer, sondern als Gesprächspartner zur Seite stehen – ein Dialog über drei Designgenerationen hinweg, wie das Projekt selbst es beschreibt.
Giugiaros Einfluss auf die Automobilgeschichte ist kaum zu überschätzen. Dass er bereit ist, mit Studierenden in Austausch zu treten, ist eine seltene Gelegenheit. Ob dieser Dialog tatsächlich auf Augenhöhe stattfindet oder doch eher den Charakter einer einseitigen Orientierungshilfe annimmt, wird sich erst im Verlauf zeigen.
„Less is More“ als gestalterisches Leitprinzip
Inhaltlich werden die Studierenden auf ein Prinzip verpflichtet, das FIAT historisch mit dem originalen Panda verbindet: „Less is More“. Gemeint ist eine Haltung, die Reduktion nicht als Einschränkung, sondern als gestalterische Stärke begreift. Raum, Gewicht und Materialien sollen neu gedacht werden, um Fahrzeuge zu entwickeln, die funktional, zugänglich und gleichzeitig charakterstark sind.
Das ist ein ehrgeiziger Anspruch. Gerade im aktuellen Automobildesign, das häufig von technologischer Überladung und visueller Komplexität geprägt ist, könnte ein konsequent reduzierter Ansatz tatsächlich einen Kontrapunkt setzen. Ob junge Designer dabei wirklich freie Hand haben oder letztlich die Markenbotschaft illustrieren sollen, ist eine berechtigte Frage.
Milan Design Week als Bühne für die Finalisten
Den Abschluss des Projekts bildet eine Jurybewertung, aus der drei Finalisten hervorgehen. Diese erhalten die Möglichkeit, ihre Entwürfe im Rahmen einer FIAT-Veranstaltung auf der Milan Design Week vom 21. bis 26. April öffentlich zu präsentieren. Die Mailänder Designwoche gilt als eine der bedeutendsten Plattformen ihrer Art weltweit – eine Bühne, die für Nachwuchsdesigner durchaus karriererelevant sein kann.
Insgesamt ist das Projekt ein interessanter Versuch, Markenidentität und Designnachwuchs miteinander zu verbinden. Ob dabei wirklich Neues entsteht oder vor allem das FIAT-Image aufgefrischt wird, lässt sich erst nach der Präsentation beurteilen.
Foto: Stellantis Germany GmbH
